Ødipus REC.

MUSIKTHEATER
2019/2020

„Du verspottest den blinden Mann, und du stehst im Licht, aber deine eigene Blindheit siehst du nicht.“(Theresias, nach Sophokles)

Ødipus REC.ist ein neu komponiertes Musiktheater, in dem der Mythos Ödipus durch die Augen der Figur Ödipus nach seiner Selbstblendung erzählt wird. Das Wort ‚blind‘ lässt uns zuerst an ein physisches Hindernis denken, verweist aber zugleich auf das Vorhandensein von Ignoranz, Verblendung, Ahnungslosigkeit, Machtlosigkeit oder Besinnungslosigkeit. Von einem ökonomischen Interesse getriebene Teile der Gesellschaft steigern die Sichtbarkeit vieler Prozesse in eine “Überbelichtung”.

Während unsere Welt zunehmend von einer Masse von Medienbilder bestimmt wird, untersucht diese Produktion die Macht des Sichtbaren, des Offensichtlichen, indem sie die Zuschauer*innen mit dem Hörbaren, dem Un-Erhörten konfrontiert. Ausgangspunkt der Neuinszenierung ist der Dialog der beiden Figuren Ödipus und Theresias. Das Libretto wird in gemeinsamer Arbeit mit dem gesamten künstlerischen Team entwickelt und anschliessend von Lorenz Langenegger als Text verfasst. Das frei übersetzte Zitat von Theresias dient dabei als Leitmotiv für die Umsetzung: Es greift die Fähigkeit des Sehens und des Hörens, die Wechselbeziehung zwischen Narzissmus und Empathie, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Mythos Ödipus auf. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich etwas vom Mythos in den Logos transferieren läßt, wie einem einmaligen Geschehen eine Nachhaltigkeit zukommen kann. Die vergangenen mythischen Ereignisse werden aber nicht primär inhaltlich erzählt, sondern geben sich nur qua mousike preis. In ihr tönt/dringt der ursprüngliche Konflikt und seine Lösung durch, aber nicht in realer Gestalt, sondern primär in seiner mousikalische Dimension, d.h. als etwas Sonores/Affektives/Bewegendes, das übertragen wird.

Ein Schauspieler und zwei Sänger*innen, zusammen mit zwei Geräuschemacher*innen und einem kleinen Ensemble, rekonstruieren die beiden Figuren des Ödipus’ und des Theresias’ auf der Suche nach der Frage „Wer und was bin ich? – Wer und was bist Du?“ Die verschiedenartigen Lesarten der beiden Figuren werfen Fragen zu Konstruktion von Identität, Intersubjektivität und Transzendenz auf. Ödipus ist einerseits Findelkind und Befreier der Stadt Theben, aber auch arroganter Untersuchungsrichter und ahnungsloser Vatermörder. Sein Antagonist Theresias war in seiner Geschichte Mann und Frau zugleich, Mutter von vier Kindern und unfehlbarer Seher, aber geblendet von Hera, weil er den Männern das Rätsel der Frauen verraten hat.

Vor Beginn des Stücks betritt das Publikum einen gleissend hell erleuchteten Raum. Um eine leere Arena verteilen sich drei Instrumentalisten, zwei Geräuschemacher und drei Sänger. Diverse Objekte der Geräuschemacher*innen, Instrumente, Requisiten, Mikrofone, Verstärker bilden komplexe Installationen von Formen und diversen Materialien. Die drei Darsteller*innen sind in der Menge der Objekte kaum sichtbar.

Am Anfang der Inszenierung von Ødipus Rec. sehen die Zuschauer*innen dem Prozess zu, wie Klang, Geräusche und Musik erzeugt werden. Die Klänge selbst sind jedoch kaum hörbar. Die Sänger*innen bewegen lediglich ihre Lippen, sie singen ohne Stimme. Es gibt keine elektroakustische Verstärkung. Ein gemeinsamer Schrei des Schauspielers (Ödipus) und des Sängers (Theresias) durchschneidet die lange Stille zu Beginn des Stückes. Beide beginnen ihre Geschichten dem Publikum in Fragmenten vorzutragen. Eine präzise Choreographie aus Licht, musikalischen und physischen Gesten, Stimmen sowie der Instrumente und diversen Klangrequisiten schaffen visuelle Bezüge zu den Erzählungen der beiden Protagonisten. Im Verlauf der Inszenierung weicht die Choreographie der sichtbaren Gesten der akustischen Komposition. Über die gesamte Dauer des 90 minütigen Stücks wird das Licht im Raum kontinuierlich bis zur absoluten Dunkelheit reduziert. Eine ‚Landschaft’ aus Klängen, Geräuschen und Stimmen werden nach und nach elektronisch verstärkt und verwandeln die Performance in einen immersiven Klangkosmos mit filmischer Qualität. Der Fokus verschiebt sich mehr und mehr auf die affektive Direktheit der Dialoge zwischen den Singstimmen, Instrumentalisten, Geräuschemacher*innen.

Der Erkenntnisgewinn über das Schicksal des Ödipus’ wird mit dem Verlust von visueller Gewissheit ausgetauscht. Die Kraft der Stimme, als Brücke zwischen Kopf und Körper, zwischen Sprechen und Handeln, ersetzt zunehmend die Logik des Sprechens. Unsichtbares wird hörbar, die gestischen und visuellen Elemente verschwinden zunehmend in der Dunkelheit. Am Ende verhallen die Stimmen im Raum. Stille. Können wir nun unsere eigene Blindheit sehen?

Künstlerische Leitung Till Wyler von BallmoosTassilo TescheOle Hübner | Produktionsleitung Maxine Devaud

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