TGR – …—…

Projekt Skizze 

„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach Äußerlichkeiten. Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren.“ schreibt Oscar Wilde und C.G. Jung fügt hinzu: „..wir sind alles stumme Kinder des zivilisatorischen Lärms.“

Wir, The Navidsons, wollen mit „TGR –. …. . -. -“ – nichts geringeres als – die ganze Welt als Momentaufnahme sammeln und festhalten.

Wir haben uns gefragt wer und was soll wie für ein mögliches Morgen repräsentiert werden? Welche Bilder sollen eigentlich in die Zukunft geschleudert werden? Wie klingt unserer Welt heute in ihrer Gesamtheit? Welche Botschaft wollen wir unsere Nachfahren hinerlassen? Sollten wir sie lieber warnen, dass sie nicht zu weit in unserer Vergangenheit graben? Oder Ihnen doch alles nach morgen entgegen schreien, was heute in der Welt abgeht? Dürfen alle eine Stimme haben oder sagen wir einfach den Einigen: ‚Shut Up!‘? Lässt sich aus einer umfassenden Momentaufnahme vielleicht die „Zujki8nft“ ablesen? Wo Anfangen, mit diesem Unterfangen?

Wir fangen an, zum Beispiel in Ghent. Im Herzen Europas, wo alles noch so gut ist. 

Für „TGR –. …. . -. -“ (TGR = The Golden Records) nehmen wir den Vorschlag der Repräsentation von Welt auf zwei Datenplatten mit Bild- und Audio-Informationen der beiden 1977 gestarteten interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 auf. Die Auswahl an Bildern und Klängen der Original Platten sollte einer möglichen intelligenten, außerirdische Lebensformen ein Bild unserer Menschheit vermitteln. Mit einer geschätzten Lebensdauer von 500 Millionen Jahren sind die Platten seit rund 40 Jahren in die Unendlichkeit des Weltalls unterwegs. Wir sagen, dass sich die Unendlichkeit des Weltalls in der Unendlichkeit der sozialen Situationen, den unendlich verschiedenen Weltanschauungen in unserer terrestrischen Lebenswelt wiederfindet. Wir starten hier eine Zeitmaschine die darauf wartet, dass die Ausserirdischen zu uns kommen!

Die vor über vierzig Jahren getroffene Auswahl der NASA war limitiert auf die beiden Schallplatten und auf einen sehr spezifischen, mittelamerikanischen Kontext.

Darum werden wir während der zwei Wochen in Ghent eine neue, aktuelle, kritische, pluralistische, klassenkämpferische, absurde, gender-paritätische, megalomane Version der Golden Records kreieren. Wir wollen keine Essenzialisierung oder Vertretung von Partikularinteressen, sondern schaffen aus einer wissenschaftlichen Liste eine poetische Liste, ganz im Sinne von Umberto Ecoʻs Aussage zu einer enzyklopädischen Weltsicht. 

Wir wollen einen Frachtcontainer als temporären „Kulturtanker“ und Raumstation-Labor für zwei Wochen zu einer terrestrischen „Sonde“ unserer Gesellschaft umgestalten. Die Zuschauer sollen die eigentliche Performance ‚schreiben’. Wir als Theaterschaffende werden zusammen mit den Kräften, Ideen und Fähigkeiten von Passant*Innen, Besucher*Innen, eingeladenen Gästen die Ursprungs-Bilder, -Töne, -Musikstücke und -Geräusche übersetzen, sammeln, ausfindig machen und dokumentieren. Wir verstehen die Transformationen von Inhalt und Darstellung des Materials als ästhetischen Prozess und unser Team als Übersetzungshilfen und Chronist*innen. Wir stellen Bilder mit dem Publikum nach, sammeln, singen und musizieren die Musikstücke und machen uns auf die Suche nach den 60 Sprachen, 19 Geräuschen, 27 Musikstücken und Grussbotschaften in Ghent. Denn Sammeln heisst Auswählen und Auswählen heisst Entscheiden. Unser Anspruch ist den unmöglichen Raum zu schaffen in dem Alles und Alle Platz haben. 

Die Auswahl und Entscheidungen werden, so hoffen wir, zu Dissonanzen führen: Mit welchen 116 Bilder würdest Du unsere Welt abbilden? Welches sind die 16 Geräusche, die heute wichtig sind? Der Sound eines Porsche Cayenne oder das Summen der Honig-Bienen? „Die Ganze Welt“ von Sophie Hunger oder doch lieber „Round the World“ von Beyoncé oder einfach nur die 9. Sinfonie von A. Dvořák?

Wir begleiten die Diskussionen über die Auswahl der Bilder mit Bild und Ton und versuchen, darüber spezifische Fragestellungen zur Lage der Welt ausfindig zu machen. Auch diese Diskussionen werden dokumentiert auf Film, Ton oder Text und ebenfalls der „TGR –. …. . -. -“ beigefügt. 

Als Übersetzungs-Labor und als Operations-Zentrale stellen wir uns einen in Gold getünchten 20’ Überseecontainer vor. Dieser wird von uns mit Technik, Möbel, Lampen, Tapeten ausgestattet. Alternativ: Wir richten das Labor als öffentlich zugänglichen Raum in der Südbühne ein. Das Labor besteht aus 4 Bereichen, welche die Aufzeichnung der 116 Bildern, 27 Musikstücken, der 19 Geräusche und 55 Grußbotschaften ermöglichen. So gibt es zum Beispiel einen Empfangsbereich für die Aufnahme von Gesprächen und Geräuschen, einen zugleich intimen und exponierten Ort an dem Grüsse entgegen genommen werden, ein einfaches Bild- und Videolabor und eine kleine Bühne für die Produktion von Musik. 

Ausserhalb der Öffnungszeiten des Labors, soll der leuchtend goldene Container als Klang- und Licht-Skulptur durch das Abspielen seiner gespeicherten Klänge und Bilder mehr Menschen anlocken. Eine Hinweistafel gibt Auskunft über das Projekt. Den Passant*Innen steht am Container eine Vorrichtung mit einem Mikrophon zur Verfügung, um einen heimlichen Kommentar zum Projekt zu hinterlassen. Dieser wird ebenfalls gespeichert und den Aufzeichnungen zugefügt.

Die „Sonde“ bildet das Zentrum des Labors. Ein kleiner Container hängt von der Decke des grossen Containers, alle Kabel fliessen dort zusammen und gehen von dort aus; eine Transportbox für die Audio- und Video-Ausrüstung und das Speichermedium: Die „goldene Harddisk“. Ein minimalistisches Equipment, mit dem das Material unserer

Suche erstellt, gespeichert und abgespielt werden kann. Eine Multimediafestplatte speichert nicht nur das gesamte Material unserer Suche, sie bietet diverse Anschlussmöglichkeiten zur Bildbearbeitung und Tonschnitt auf stationären Computern.

In den 12 Tagen Arbeitszeit wächst die Materialsammlung der „Golden Records –.. .-. .. -.-. ….“ stetig an und wird in zwei Aufführungen als Kristallisationspunkte einer fortdauernden Veröffentlichung in Form einer Lecture-Performance präsentiert und anschliessend versiegelt. 

Im Moment gibt es zwei Ideen für den Abschluss des Projekts:  Die Ghenter Fassung könnte mit dieser „Sonde“ als wiederaufbaubare Installation auf Reisen geschickt werden. Ein Bauplan wird der Sonde mitgegeben und bildet die Vorlage für die Gestaltung des Labors an andere Stationen der „Sonde“. Oder die Sonde wird für eine zukünftige Lebensform an Ort und Stelle in einem 12 Meter tiefen Loch verbuddelt. 

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