Leben – eine Gebrauchsanweisung? – The Wayback Machine

Ein künstlerisches Rechercheprojekt ausgehend vom Roman „La vie mode d’emploi“ (1978) von Georges Perec

Erinnerungen Erzählungen
Schon jetzt hat sich die durch die Pandemie in vielen Gesellschaftsbereichen ausgelöste Krise mit Metaphern, Instagram-Stories, Klängen und neuen Technologien in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Vor diesem aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund beschäftigt sich das Recherchevorhaben mit der Untersuchung individueller Wahrnehmungsmuster von historischen Ereignissen, kollektiven Erinnerungen und Erzählungen persönlich erlebter Kippmomente. Uns interessiert, wie aus historischen Fakten eine individuelle Realität wird und welches kreative, subversive und poetische Potenzial sich in Verschiebungen zeigt, die sich durch die mehrfache Wiederholung von Erzählungen ergeben:
Wie entwickeln sich aus Erinnerungen schließlich Erzählungen und „wer spricht“ in diesen?
Lassen sich durch Verknüpfungen der Ereignisse und Erzählungen neue Erkenntnisse gewinnen?
Können wir durch die Erforschung unserer eigenen Erzählungen Impulse für ein kritisches Anders-Denken von kollektiven gesamtgesellschaftlichen Erinnerungen entwickeln?

Vom Erinnern zum Neu-Denken
Ausgangspunkt des Rechercheprojekts ist die künstlerische Forschung zu einem bestimmten Datum, ausgehend von einem historischen Ereignis, das einen Wendepunkt in der Biographie jeweils eines*r der sechs Kollektivmitglieder ausgelöst hat. Primäre Quelle dafür ist die systematische Befragung des Umfelds, ergänzend dazu bedienen wir uns Archiven mit Augenzeugenberichten, Ton- und Bildaufnahmen und dem Nachlass von G. Perec. Für eine Online-Recherche wird die Wayback-Machine des Internets genutzt. Beispielhaft für einen Jahrestag sei hier der 28. Januar angeführt: 1986 ereignete sich das Challenger-Unglück vor laufenden Kameras – auf denselben Jahrestag fällt die Erfindung des Begriffs der ‚Serendipität‘ (1754). Das Serendipitätsprinzip – das Machen einer zufälligen Entdeckung auf der Suche nach etwas ganz anderem – ist es auch, das sich zwangsläufig durch die Recherche zu diesem Datum ziehen wird. Weitere Ausgangsdaten wären: 26. April (1986), 9. März (2000), 27. Juni (2000), 17. Dezember (2010) und 23. Juni (2016). Die daraus entstandene Sammlung persönlicher Erzählungen führen zu einem neuen Archiv aus Erinnerungen.

Im Roman „La vie mode d’emploi“ wird, analog zu unseren durch die Jahre hinweg untersuchten Daten, ein Pariser Mietshaus beschrieben, in dem verschiedene Mieter unter einem Dach arbeiten. Im Laufe der 99 Kapitel überkreuzen sich von Raum zu Raum die Spuren eines Kunstprojekts, das am Ende keine Spur mehr hinterlassen sollte. Wir wagen ein Experiment und starten die Recherchearbeit in sechs verschieden Städten unter dem Dach des Kollektivs The Navidsons. In einem weiteren Schritt der Recherche unterziehen wir unsere Archive einem kollektiven, kreativen Prozess der ‚Wiedererinnerung‘ mittels eines postalischen Briefwechsels, der sowohl Um- und Neuschreibungen, Überschreibungen, Kettenbriefkompositionen als auch Bilder, Kommentare etc. miteinander verbindet. Ziel ist, in einer installativen Musiktheaterperformance aus diesem Netzwerk heraus die Querbeziehungen und das ‚Dazwischen‘ unserer Daten und Erkenntnisse als multisensuell materialisierten und betretbaren Erlebnisraum neu zu erschaffen: Eine trans-historische Zeitreise, eine Ereignispartitur, ein Atlas unseres Netzwerks.

Konzept: Maxine Devaud, Maria Huber, Ole Hübner, Michael Taylor, Tassilo Tesche, Till Wyler von Ballmoos

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